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KI als Teil von IT-Recht, IT-Vertragsrecht & Zivilrecht

Digitalisierung des anwaltlichen Berufsbildes

Ich habe in der FAZ einen durchaus interessanten Beitrag zur Digitalisierung von Berufsbildern und hier insbesondere auch im juristischen Bereich gelesen. Dass dabei auch der Anwaltsberuf von der Digitalisierung erfasst wird und in den nächsten Jahrzehnten erheblich verändert werden wird liegt auf der Hand, allerdings glaube ich, anders als man derzeit denkt.

Computer als Juristen

Können, wie teilweise schon überlegt, künstliche Intelligenzen juristische Arbeit vollbringen? Das steht für mich durchaus außer Zweifel, jedenfalls im Zivilrecht. Insbesondere die Richterschaft arbeitet – freilich ohne es zu merken – massiv daran, den eigenen Berufsstand abzuschaffen. Wenn man etwa sieht, dass es Aufgabe des Anwalts sein soll, nicht nur den Tatsachenstoff sondern auch die notwendigen Rechtsauffassungen vorzubringen, darf man ab einem bestimmten Punkt mit Fug und Recht fragen, warum da überhaupt noch ein Mensch Entscheidungen treffen muss. Aktuelle Studien scheinen zudem zu belegen, dass man mit künstlicher Intelligenz gerichtliche Entscheidungen mit durchaus guter Trefferquote vorhersagen kann – was aber in einer Zeit, in der man nicht allzu selten das Gefühl hat, man könne statt einer gerichtlichen Entscheidung auch kurzerhand eine Münze werfen, auch nur begrenzte Aussagekraft hat.

Zwei-Klassen-Gerechtigkeit?

Im Bereich rechtlicher Dienstleistungen sehe ich akut eher die Gefahr einer nochmals verstärkten 2-Klassen-Gerechtigkeit: Wer das notwendige Kleingeld nicht hat lässt sich möglicherweise eines Tages automatisierte Antworten auf Fragen geben, die erhebliche Bedeutung für den eigenen Alltag haben. So werden Verträge aus Stückwerk automatisiert zusammengesetzt und Fragen für 5 Euro beantwortet, die sich um finanzielle Belastungen drehen die ein vielfaches des eigenen monatlichen Einkommens betreffen, etwa im Bereich des Unterhalts. Dies entspricht dann auch der ohnehin nicht auszumerzenden laienhaften Vorstellung davon, dass es auf eine juristische Frage ein “ja oder nein” gibt und eben nicht die Antwort, die ausgebildete Juristen geben “kommt drauf an”. Beziehungsweise die Antwort, die Juristen mit Berufserfahrung geben: “Kommt drauf an was sich beweisen lässt”. Wer das entsprechende Geld mitbringt, wird sich weiterhin die Anwälte leisten können, die sich auf dem dezimierten Markt behaupten konnten und die sich dann entsprechend in den Sachverhalt einarbeiten und die notwendige Zeit aufbringen.

Unterstützung von Menschen

Ein erheblicher Vorteil dürfte in einem anderen Bereich liegen, von dem ich mir am Ende mehr Qualität erhoffe: Die Unterstützung des Menschen. Wenn etwa durch spezielle Software umfangreiche Akten, auch in Strafsachen, visualisiert und aufbereitet werden. Wenn man auf einen Klick Aussagen bestimmter Zeugen aus der digitalen Akte herausgefiltert erhält, dabei zugleich in der Rohfassung und einer automatisierten Analyse. Es ist aus meiner Sicht absehbar, dass irgendwann Zeugenaussagen ohnehin nicht mehr zwingend verschriftlicht sondern zudem Audiovisuell erfasst werden, wieder ein Arbeitsbereich für Software die solche Aussagen wiederum aufbereitet und etwa die Durchsuchung nicht schriftlicher Aussagen anbietet.

Doch auch hier droht die Zwei-Klassen-Justiz: So ist abzuwarten, ob die Justiz, wenn es einmal soweit kommen würde, über entsprechende Software verfügt. Ob Anwälte dann über vergleichbare Software verfügen oder derartige Software so kostenintensiv ist, dass nur ausgewählte Kanzleien sie sich leisten können, ist dabei eine Frage die sich schnell stellt. Auf der anderen Seite ist auch hier zu sehen: Schon heute ist es von Vorteil Geld mitzubringen, denn Verteidigung ist umso besser, je mehr Zeit der eigene Anwalt aufbringen kann um den Sachverhalt auf- und Sitzungen vorzubereiten. Hier stellt sich am Ende die Frage, ob digitale Unterstützung wirklich nur zu einer Entlastung führt oder dann doch eher zu einer Verschiebung innerhalb des Marktes, weil nicht ergänzend sondern nunmehr zusätzlich zur teuer erkauften Zeit die Auswertungsmöglichkeiten hinzukommen.

Philosophische Fragen & Gerechtigkeit

Die Digitalisierung und hierbei dann insbesondere die bei freien Berufen notwendige künstliche Intelligenz wirft philosophische Fragen auf, mit denen man sich beschäftigen muss. Die soziale Frage, ob hier die ohnehin schon existierende 2-Klassen-Gerechtigkeit weiter verschärft wird darf nicht ignoriert werden, gleich wie man dazu steht. Doch auch andere Fragen gewinnen wieder an Bedeutung: Was ist Gerechtigkeit, ist es ein fassbarer Begriff oder doch nur ein Gefühl das wir nutzen um letztlich willkürliche Willensbildungsprozesse mit einem positiven Anstrich zu versehen? Kann Gerechtigkeit und ein Gerechtigkeitsempfinden von einer künstlichen Intelligenz ausgeübt werden die rein rational arbeitet oder ist der Makel des menschlichen Faktors hier ein ebenso notwendiges wie wertvolles Übel? Und vor allem: Sind wir bereit etwas derart Elementares wie die Entscheidung über unseren Alltag und unsere rechtlichen Verpflichtungen in die Hand eines Programms zu legen, also eines Entscheidungsfindungsprozesses der mit uns als Spezies so rein gar nichts zu tun hat?

Dabei wäre es schlichtweg dumm, zu glauben, diese Fragen stellen sich erst, wenn man in vielen Jahrzehnten ernsthaft überlegen kann, menschliche Richter durch Software auszutauschen. Die Fragen stellen sich bereits mittelbar in sehr naher Zukunft: Wenn Juristen auch nur unterstützt durch Software Entscheidungen treffen. Denn ausschlaggebend ist für juristische Entscheidungen alleine der Sachverhalt, der zu bewerten ist. Wenn dieser Sachverhalt faktisch in der Praxis durch Maschinen aus Akten gewonnen wird, weil Anwälte und Richter nicht mehr einsehen notwendige eigene Zeit zu investieren und sich nur noch auf automatische Auswertungen verlassen, wird hier die Weiche für spätere Entscheidungen getroffen. Offen bleibt dabei ohnehin, wie man mit fehlerhaft arbeitender Software umgeht, welche faktische Macht Programmierer hier erhalten und welche Angriffsszenarien sich für digitale Angriffe eröffnen. So wie heute schon bei automatisierten Bonitätsauskünften wären die Betroffenen einem schematisch-automatisch arbeitendem System ausgeliefert. Eine Vorstellung, die nicht unbedingt Begeisterung auslösen muss.

Fachanwalt für IT-Recht Jens Ferner

Von Fachanwalt für IT-Recht Jens Ferner

Ich habe mich als Strafverteidiger & Fachanwalt für IT-Recht spezialisiert auf Rechtsfragen rund um Strafrecht, Technik & Arbeit: IT-Recht, IT-Vertragsrecht & Softwarerecht künstliche Intelligenz, Datenschutzrecht, Medienrecht ebenso wie IT-Arbeitsrecht, IT-Strafrecht, digitales Werberecht & Urheberrecht.

Meine juristische Expertise ergänze ich mit umfangreicher technischer Erfahrung als Programmierer & Linux-Systemadministrator inkl. Netzwerksicherheit, IT-Forensik & IT-Risikomanagement.