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Dark Factories

Die Idee der „Dark Factory“ – einer nahezu menschenleeren, vollständig automatisierten Produktionsstätte, die mangels Menschen im Dunkeln arbeiten kann – gewinnt möglicherweise derzeit in der globalen Industrie zunehmend an Bedeutung. Getrieben durch Fachkräftemangel, technologische Fortschritte und wirtschaftliche Zwänge, stellt dieses Konzept traditionelle Fertigungsmodelle infrage. Doch während einige darin eine unvermeidliche Zukunft sehen, warnen andere vor ökonomischen Risiken und sozialen Folgen.

Was sind Dark Factories?

Dark Factories, wörtlich „dunkle Fabriken“, sind Produktionsstätten, in denen die Fertigung von Waren fast ohne menschliches Personal abläuft. Roboter, KI-gesteuerte Systeme und digitale Zwillinge übernehmen Montage, Qualitätskontrolle und Logistik. Der Begriff „dunkel“ bezieht sich nicht nur auf die Abwesenheit von Beleuchtung – die Fabriken benötigen kein Licht, da keine Menschen vor Ort sind –, sondern auch auf die Vision einer rund um die Uhr laufenden, kostengünstigen und hochpräzisen Produktion.

Besonders in China, wo Fabriken wie die des Smartphone-Herstellers Xiaomi bereits zu 100 Prozent automatisiert arbeiten, zeigt sich das Potenzial dieses Modells. Die Kombination aus günstigem Ökostrom, fortschrittlicher Robotik und digitaler Vernetzung ermöglicht eine Effizienz, die klassische Fabriken kaum erreichen. Doch auch in Europa und den USA experimentieren Unternehmen mit automatisierten Schichten, etwa in der Chip- oder Pharmaindustrie.

Fachkräftemangel als Treiber von Automatisierung

In Deutschland und anderen Industrienationen beschleunigt der Fachkräftemangel die Entwicklung hin zu Dark Factories. So führen viele Unternehmen wohl bereits personalfreie Nachtschichten ein, um Produktionskapazitäten zu sichern. Diese so genannten „Geisterschichten“ erfordern jedoch angepasste Produktionsprogramme, da menschliche Fähigkeiten – etwa bei der Fehlerbehebung oder Anpassung an neue Produkte – nicht vollständig ersetzbar sind.

Erste Experten weisen nun darauf hin, dass Dark Factories keineswegs menschenleer sind. Stattdessen entstehen neue, anspruchsvolle Tätigkeiten in Planung, Wartung und Überwachung, die oft besser bezahlt werden als klassische Fabrikjobs. Dennoch bleibt die Sorge, dass Automatisierung Arbeitsplätze in traditionellen Bereichen vernichtet – und damit soziale Ungleichheit verschärft.

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Ökonomische Chancen und Risiken

Die wirtschaftlichen Vorteile von Dark Factories liegen auf der Hand: geringere Lohnkosten, höhere Produktivität und eine Produktion, die unabhängig von Arbeitszeiten oder menschlicher Ermüdung läuft. Besonders in energieintensiven Branchen, wie der Halbleiterfertigung, kann die Kombination aus Automatisierung und günstigem Strom Wettbewerbsvorteile schaffen. China nutzt diesen Vorteil bereits systematisch, indem es erneuerbare Energien mit Ultrahochspannungsnetzen in die Industriezentren leitet – ein Modell, das Europa bisher nicht kopieren kann.

Doch die Umstellung ist nicht ohne Risiken. Für viele Unternehmen, besonders im Mittelstand, sind die Investitionen in vollständige Automatisierung kaum stemmbar. Zudem warnen Kritiker vor einer „sozial nicht erstrebenswerten“ Entwicklung: Eine Fabrik ohne menschliche Präsenz könnte nicht nur Arbeitsplätze kosten, sondern auch das betriebliche Wissen und die Innovationsfähigkeit schwächen, die oft aus der Interaktion von Menschen entstehen.

Herausforderungen und Ungleichheiten

Während also nun einige Experten vor zusätzlichen gesetzlichen Vorgaben warnen – die ohnehin schon hohe Regulierung in Deutschland und der EU habe bereits zu Abwanderungen geführt –, plädieren andere für eine Anpassung bestehender Rahmenbedingungen. Themen wie Maschinensicherheit, Produkthaftung oder der Einsatz von KI in der Produktion erfordern klare Regeln, um Rechtssicherheit zu schaffen.

Global betrachtet verschärfen Dark Factories bestehende Ungleichheiten. Länder wie Äthiopien oder Bangladesch, die auf kostengünstige Fertigung als Entwicklungsmotor setzen, sehen sich plötzlich mit einer Automatisierung konfrontiert, die selbst niedrige Löhne unterbietet. Europa könnte hier eine konstruktive Rolle spielen, indem es kleinere, flexible Automatisierungslösungen fördert – etwa für lokale Märkte in der Agrarverarbeitung oder Medizintechnik.

Rechtsanwalt Jens Ferner, TOP-Strafverteidiger und IT-Rechts-Experte - Fachanwalt für Strafrecht und Fachanwalt für IT-Recht

Rechtsfragen bei Dark Factories?

Bei solchen Produktionsmethoden geht es nie allein um gesellschaftspolitische oder wirtschaftliche Fragen, sondern auch um juristische, denn Dark Factories werfen bei genauer Betrachtung eine Vielzahl rechtlicher Fragen auf, die sich quer durch Arbeits-, Sicherheits-, Haftungs- und Regulierungsrecht ziehen. Zunächst drängt sich natürlich die arbeitsrechtliche Dimension auf: Auch in weitgehend menschenleeren Fabriken bleiben Arbeitsschutzvorgaben, etwa zur Gefährdungsbeurteilung, zur Sicherheit bei Instandhaltungseinsätzen und zur Ausgestaltung von Flucht- und Rettungswegen, einschlägig. „Dunkel“ bedeutet in diesem Kontext lediglich das Fehlen dauernder Nutzbeleuchtung, jedoch nicht den Verzicht auf Sicherheitsbeleuchtung und die entsprechende Infrastruktur.

Im Detail treten dann aber auch komplexe Haftungsfragen hinzu, da KI-gesteuerte Maschinen und vernetzte Produktionsanlagen unter das neue europäische Maschinenrecht, den AI Act (Hochrisiko-KI in sicherheitsrelevanten Steuerungen) und die reformierte Produkthaftung fallen. Dies löst strenge Dokumentations-, Monitoring- und Beweislastregeln für Hersteller und Betreiber aus. Im Schadensfall stellt sich somit nicht nur die klassische Produzentenhaftung, sondern auch die Frage, wie autonome Entscheidungen, Software-Updates und Datenfehler sich im Rahmen der Gefährdungs- und Verschuldenshaftung zurechnen lassen. Ebenso können datenschutz- und IT-sicherheitsrechtliche Pflichten entstehen, wenn Produktions- und Überwachungsdaten personenbezogen sind oder kritische Infrastrukturen betroffen sind. Jedenfalls im Bereich der Cybersicherheit dürfte die Vorstellung, dass ein Angriffstor den Zugriff auf vollkommen automatisierte Anlagen ermöglicht, keine allzu prickelnde sein.


Fortschritt benötigt gesellschaftliche Gestaltung

Dark Factories sind wohl weniger futuristische Vision als vielmehr Realität – zumindest in bestimmten Branchen und Regionen. Sie bieten Chancen für mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit, bergen aber auch Risiken für Arbeitsmärkte und soziale Strukturen. Die entscheidende Frage ist daher wohl nicht, ob die Automatisierung kommt, sondern wie Gesellschaften und Politik sie gestalten werden. Europa steht hier vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits muss es technologisch aufholen, andererseits muss es Standards setzen, die eine faire und nachhaltige Industrie 4.0 ermöglichen.

Rechtsanwalt Jens Ferner (Fachanwalt für IT-Recht & Strafrecht)
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Rechtsanwalt Jens Ferner (Fachanwalt für IT-Recht & Strafrecht)

Rechtsanwalt Jens Ferner ist erfahrener und hochspezialisierter Fachanwalt für Strafrecht sowie Fachanwalt für IT-Recht mit über einem Jahrzehnt Berufspraxis und widmet sich ganz der Tätigkeit als Strafverteidiger und dem IT-Recht - spezialisiert auf Cybercrime, Cybersecurity, Softwarerecht und Managerhaftung. Er ist Lehrbeauftragter für IT-Compliance (FH Aachen), zertifizierter Experte für Krisenkommunikation & Cybersecurity; zudem Autor sowohl in Fachzeitschriften als auch in einem renommierten StPO-Kommentar zum IT-Strafprozessrecht sowie zur EU-Staatsanwaltschaft. Als Softwareentwickler ist er in Python zertifiziert und hat IT-Handbücher geschrieben.Er beschäftigt sich intensiv im technologischen Bereich mit Fragen der Softwareentwicklung, KI und Robotik - nicht nur als Jurist, sondern eben auch selbst als Entwickler. In diesem Blog werden Inhalte vor allem rund um Robotik bzw. Roboterrecht und ergänzend zum Thema K geteiltI. Es werden Unternehmen im gesamten IT-Recht beraten und vertreten, dies vor allem strategisch und nicht juristisch nach "Schema F".